Die Welser.
Zwischen Handel, Macht und El Dorado.
Im 16. Jahrhundert verbanden sich europäische Handelsinteressen, koloniale Expansion und die Suche nach sagenhaftem Gold auf besondere Weise. Die Welser aus Augsburg erhielten von Kaiser Karl V. Rechte in Venezuela. Jenem Gebiet, das als „Klein-Venedig“ in die Geschichte einging.
Von dort führten Expeditionen weit in das Innere Südamerikas. Mit Nikolaus Federmann führt eine dieser Spuren schließlich bis in das Hochland der Muisca, wo sie sich mit der Geschichte Gonzalo Jiménez de Quesadas und der europäischen Vorstellung von El Dorado verbindet.
Dieses Projekt begleitet meine jahrelange Beschäftigung mit diesen historischen Verflechtungen und bildet zugleich den thematischen Rahmen für meine Bachelorarbeit.
Welser und Fugger als zusammenarbeitende Konkurrenten.
16. November 2025
Je intensiver ich mich mit dem europäischen Handelsnetz der Welser beschäftige, desto häufiger begegnet mir mit den Fuggern ein zweiter Name. Beide Familien gehören zu den großen Augsburger Handelshäusern ihrer Zeit, und zunächst liegt für mich die Vorstellung nahe, dass sie vor allem Konkurrenten gewesen sein müssen.
Doch dieses Bild wird bei genauerem Hinsehen zunehmend unscharf. Natürlich konkurrieren Welser und Fugger in verschiedenen Geschäftsfeldern miteinander. Beide bewegen große Warenmengen, verfügen über weitreichende Handelsverbindungen und sind im Kreditgeschäft tätig. Ihre Interessen überschneiden sich an zahlreichen Orten. Dennoch bedeutet wirtschaftliche Konkurrenz offenbar nicht, dass beide Häuser getrennt voneinander agieren.
Im Gegenteil stoße ich immer wieder auf Situationen, in denen sie voneinander profitieren. Die Welser beziehen beispielsweise Tiroler Edelmetalle über die Fugger. Umgekehrt nutzen die Fugger die Niederlassung der Welser in Lyon für Wechselgeschäfte. Konkurrenz und Zusammenarbeit schließen einander also keineswegs aus.
Gerade diese Erkenntnis finde ich interessant. Ich neige zunächst dazu, historische Beziehungen in eindeutige Kategorien einzuordnen: Partner oder Konkurrent, gemeinsames Interesse oder Gegensatz. Die wirtschaftliche Wirklichkeit, die sich mir hier zeigt, scheint wesentlich flexibler gewesen zu sein.
Entscheidend war offenbar, welche Verbindung in einer bestimmten Situation Vorteile bot.
Damit verändert sich erneut mein Verständnis der Handelsgesellschaften, mit denen ich mich beschäftige. Ihre Stärke scheint nicht allein darin gelegen zu haben, möglichst viele Geschäfte selbst abzuwickeln. Ebenso wichtig war die Möglichkeit, auf bereits bestehende Strukturen anderer Kaufleute und Handelshäuser zurückzugreifen. Das europäische Handelsnetz bestand damit nicht aus voneinander isolierten Unternehmen, sondern aus zahlreichen Beziehungen, die sich überschnitten und je nach Geschäft unterschiedliche Formen annehmen konnten.
Auch Kapital verbindet die beiden Häuser. Beteiligungen und gegenseitige finanzielle Beziehungen zeigen mir, dass selbst zwischen bedeutenden Konkurrenten wirtschaftliche Verflechtungen möglich waren. Das macht es zunehmend schwierig, die Welser isoliert zu betrachten. Um ihre Entwicklung zu verstehen, muss ich auch das wirtschaftliche Umfeld betrachten, in dem sie handelten. Und dieses Umfeld reicht inzwischen weit über den Warenhandel hinaus.
Mit zunehmender Größe ihrer Geschäfte werden Finanzierungen und Kredite wichtiger. Gleichzeitig begegnet mir dabei immer häufiger das Haus Habsburg. Kaufleute stellen Herrschern Kapital zur Verfügung, während politische Entscheidungen wiederum wirtschaftliche Möglichkeiten eröffnen können. Handel, Finanzwesen und Politik beginnen sich in meiner Recherche immer stärker miteinander zu verbinden.
Besonders unter Kaiser Karl V. scheint diese Verbindung eine neue Bedeutung zu gewinnen. Für mich ist das ein wichtiger Punkt, denn damit nähere ich mich wieder jener Frage, die am Anfang meiner Beschäftigung mit den Welsern stand: Wie kommt ein Augsburger Handelshaus schließlich nach Venezuela?
Mein bisheriger Weg hat mich von El Dorado zunächst zurück nach Augsburg geführt, von dort nach Memmingen und schließlich durch ein weit verzweigtes europäisches Handels- und Finanznetz.
Aus einer vermeintlich einfachen Spur ist ein Geflecht aus Familien, Handelshäusern, Waren, Kapital und politischen Beziehungen geworden.
Mark Häberlein/Johannes Burkhardt (Hg.): Die Welser. Neue Forschungen zur Geschichte und Kultur des oberdeutschen Handelshauses. Berlin/Boston: De Gruyter, 2014 (Colloquia Augustana, Bd. 16). ISBN 978-3-05-005777-9
Das europäische Netzwerk.
30. Oktober 2025
Je weiter ich den Verbindungen der Welser folge, desto schwieriger wird es, ihre Geschichte nur von Augsburg oder Memmingen aus zu betrachten. Die Namen von Städten und Regionen häufen sich, Handelsbeziehungen reichen immer weiter über den süddeutschen Raum hinaus und aus einzelnen Verbindungen zeichnet sich langsam ein Netzwerk ab, das große Teile Europas miteinander verbindet.
Dabei beginne ich zu verstehen, dass nicht nur die Entfernung der Handelswege entscheidend ist. Mich interessiert zunehmend, wie ein solches Netzwerk überhaupt funktionieren konnte. Wie konnten Waren, Kapital und Informationen über große Distanzen bewegt werden, lange bevor moderne Kommunikations- und Transportmöglichkeiten existierten?
Ein Teil der Antwort scheint erneut in den persönlichen Beziehungen zu liegen. Familien aus Augsburg, Memmingen, Ulm, Konstanz und anderen Städten sind über Heiraten, Beteiligungen und gemeinsame Geschäfte miteinander verbunden. Einzelne Mitglieder dieses Umfeldes übernehmen Aufgaben an wichtigen Handelsplätzen. So entstehen Strukturen, die nicht ausschließlich von einer Zentrale aus funktionieren, sondern von Menschen getragen werden, die an unterschiedlichen Orten für gemeinsame wirtschaftliche Interessen tätig sind.
Mit der Zeit reichen diese Verbindungen weit über Süddeutschland hinaus. In meinen Unterlagen begegnen mir Handelsplätze wie Lyon, Antwerpen, Lissabon, Barcelona, Venedig und Genua. Das verändert meine Vorstellung von der räumlichen Dimension des Unternehmens. Was in meiner ersten Wahrnehmung ein Augsburger Handelshaus war, erscheint mir zunehmend als Teil eines europäischen Wirtschaftsraumes, in dem Waren, Geld und Menschen ständig in Bewegung sind.
Besonders interessant finde ich dabei, dass bestehende Netzwerke offenbar immer wieder genutzt und erweitert werden. Personen aus dem Bodenseeraum übernehmen beispielsweise wichtige Positionen an weit entfernten Handelsplätzen. Gabriel Stüdlin leitet zunächst eine Faktorei in Lissabon und ist später in Antwerpen tätig. Auch Angehörige der Familie Grimmel sind dort in Finanzgeschäfte zwischen Antwerpen und Augsburg eingebunden. Für mich rückt damit ein Begriff stärker in den Mittelpunkt: Vertrauen.
Je größer die Entfernungen werden, desto wichtiger muss es gewesen sein, sich auf Geschäftspartner und Beauftragte verlassen zu können. Vielleicht erklärt das auch, warum mir bei meiner Recherche ständig dieselben Muster rund um Verwandtschaft, Heirat, langjährige Geschäftspartnerschaften und die Einbindung von Familien, die bereits miteinander verbunden sind begegnen.
Gleichzeitig erweitert sich das Geschäft selbst. Textilien bleiben wichtig, doch längst geht es nicht mehr ausschließlich um Warenhandel. Metalle, Gewürze und zunehmend Finanzgeschäfte gehören zu einer wirtschaftlichen Welt, in der sich Handel und Kredit immer stärker miteinander verbinden.
Besonders deutlich wird das für mich bei den Beziehungen zwischen den Welsern und den Fuggern. Ich hatte beide Familien zunächst vor allem als große Augsburger Konkurrenten wahrgenommen. Doch dieses einfache Bild beginnt sich aufzulösen.
Beide Häuser konkurrieren miteinander und arbeiten gleichzeitig zusammen. Sie nutzen teilweise die Handelsstrukturen des jeweils anderen. Die Welser beziehen Tiroler Edelmetalle über die Fugger, während diese wiederum die Welser-Niederlassung in Lyon als wichtigen Platz für ihre Wechselgeschäfte nutzen. Mit jeder Antwort wird die Geschichte etwas komplizierter.
Aus Konkurrenten werden nicht automatisch Partner, aber offenbar auch keine Gegner, die unabhängig voneinander agieren. Wirtschaftliche Interessen schaffen Verbindungen, selbst dort, wo gleichzeitig Konkurrenz besteht.
Und noch etwas fällt mir auf. Je weiter sich dieses Netzwerk nach Westen ausdehnt, desto häufiger führt meine Spur nach Spanien. Dort geht es nicht mehr allein um Handel. Die Welser und Fugger treten zunehmend auch als Kreditgeber der Habsburger auf.
Unter Karl V. gewinnt diese Verbindung eine neue Dimension.
Damit komme ich langsam an einen Punkt, der für meine ursprüngliche Frage entscheidend werden könnte.
Denn irgendwo zwischen Handel, Finanzgeschäften und der Verbindung zum Kaiser muss die Erklärung dafür liegen, warum die Welser schließlich Rechte in Venezuela erhalten.
Mark Häberlein/Johannes Burkhardt (Hg.): Die Welser. Neue Forschungen zur Geschichte und Kultur des oberdeutschen Handelshauses. Berlin/Boston: De Gruyter, 2014 (Colloquia Augustana, Bd. 16). ISBN 978-3-05-005777-9
Die Spur führt nach Memmingen.
23. September 2025
Nachdem ich erkannt habe, wie wichtig familiäre und geschäftliche Netzwerke für die Entwicklung der Welser waren, führt mich meine Recherche aus Augsburg hinaus. Dabei begegnet mir eine Familie immer häufiger, nämlich die Vöhlin aus Memmingen.
Zunächst erscheint mir Memmingen wie ein weiterer Schauplatz in einem zunehmend größer werdenden Handelsnetz. Doch schnell wird deutlich, dass die Verbindung zu den Vöhlin für die weitere Entwicklung der Welser wesentlich bedeutender ist. Auch hier greifen wirtschaftliche Interessen und verwandtschaftliche Beziehungen ineinander.
Gleichzeitig beginne ich besser zu verstehen, in welchem wirtschaftlichen Umfeld sich diese Familien bewegten. Augsburg und Memmingen waren wichtige Zentren des oberdeutschen Handels. Textilien spielten dabei eine bedeutende Rolle, doch die wirtschaftlichen Strukturen veränderten sich.
Augsburg gewann im Barchenthandel zunehmend an Bedeutung, während neue Geschäftsfelder hinzukamen. Besonders der Bergbau eröffnete wohlhabenden Kaufmannsfamilien zusätzliche Möglichkeiten, Kapital zu investieren. Auch die Welser beteiligten sich gegen Ende des 15. Jahrhunderts am Silberbergbau im Erzgebirge, während die Vöhlin im Tiroler Montanwesen engagiert waren.
Für meine ursprüngliche Suche nach El Dorado scheint das zunächst weit entfernt zu sein. Doch gerade diese Entwicklung beginnt mich zu interessieren. Lange bevor die Welser in Venezuela auftreten, verfügen die beteiligten Familien bereits über Erfahrungen mit überregionalem Handel, Kapital und der Organisation weitreichender wirtschaftlicher Beziehungen.
Um 1500 verdichtet sich die Zusammenarbeit schließlich auch organisatorisch. Aus den Verbindungen zwischen Welsern und Vöhlin entsteht eine Gesellschaft, die Kapital und Handelsinteressen beider Familien zusammenführt. Dabei spielen erneut verwandtschaftliche Beziehungen eine wichtige Rolle. Das Netzwerk umfasst längst nicht mehr nur die beiden Familien selbst, sondern bindet weitere Kaufleute und Familien ein.
Beim Lesen der Namen und Beziehungen merke ich allerdings auch, wie schnell man sich in Stammbäumen, Eheschließungen und einzelnen Geschäftspartnern verlieren kann. Für meine Fragestellung scheint mir deshalb etwas anderes wichtiger: Welche Funktion hatten diese Beziehungen? Immer deutlicher erkenne ich darin ein System.
Familienbeziehungen schaffen Vertrauen, Geschäftspartner übernehmen Aufgaben an unterschiedlichen Orten und einzelne Mitglieder des Netzwerkes leiten Niederlassungen weit entfernt vom eigentlichen Stammsitz. Aus einem lokalen Umfeld entsteht auf diese Weise Schritt für Schritt ein weit gespanntes Handelsnetz.
Besonders spannend wird es für mich, als ich auf Namen stoße, die später auch in der Geschichte Venezuelas wieder auftauchen. Hans Ehinger beispielsweise kommt aus Konstanz nach Memmingen und tritt in den Dienst der Gesellschaft. Seine Familie wird später ebenso im Venezuela-Unternehmen eine Rolle spielen wie weitere Personen aus diesem süddeutschen Netzwerk.
Damit verändert sich mein Blick erneut.
Venezuela erscheint mir nun weniger als plötzliches, außergewöhnliches Abenteuer eines Augsburger Handelshauses. Vielleicht muss ich den Schritt über den Atlantik vielmehr als Fortsetzung einer Entwicklung betrachten, die schon lange zuvor begonnen hat: Netzwerke werden größer, Handelsräume weiter und wirtschaftliche Interessen internationaler.
Bevor die Spur allerdings nach Amerika führt, muss ich ihr zunächst durch Europa folgen. Denn inzwischen reicht sie von Augsburg und Memmingen über die Alpen und zunehmend weit darüber hinaus.
Mark Häberlein/Johannes Burkhardt (Hg.): Die Welser. Neue Forschungen zur Geschichte und Kultur des oberdeutschen Handelshauses. Berlin/Boston: De Gruyter, 2014 (Colloquia Augustana, Bd. 16). ISBN 978-3-05-005777-9
Ein Handelshaus entsteht nicht von allein.
23. September 2025
Je länger ich mich mit den frühen Welsern beschäftige, desto deutlicher wird mir, dass ihre Geschichte nicht allein über einzelne Familienmitglieder zu verstehen ist. Immer wieder tauchen andere Namen auf. Kaufleute, Patrizier und verwandte Familien sind miteinander durch Geschäfte, gemeinsame Interessen und vor allem durch Heiraten verbunden.
Mein Blick verschiebt sich damit. Anfangs wollte ich vor allem nachvollziehen, wie die Welser von Augsburg nach Venezuela gelangten. Nun interessiert mich zunehmend, welche Strukturen überhaupt die Grundlage für einen solchen Aufstieg schaffen konnten.
Ein Beispiel dafür finde ich zu Beginn des 15. Jahrhunderts. Bartholomäus Welser war mit Anna Egen verheiratet. Über diese Verbindung bestand eine Nähe zum wirtschaftlichen Umfeld ihres Vaters Peter Egen, einem bedeutenden Augsburger Kaufmann. Auch Anna Welsers Bruder Johann Brun gehörte durch seine Ehe mit der Familie zu diesem verwandtschaftlichen Umfeld.
Aus diesen Verbindungen entwickelte sich um 1411 die Welser-Brun-Gesellschaft. Das Baumwoll- und Barchentgeschäft reichte über Augsburg hinaus in weitere deutsche Städte, und auch Verbindungen nach Venedig lassen sich nachweisen. Bartholomäus vertrat die Gesellschaft dort selbst. 1422 erwarb er schließlich das „Haus am Stein“, das später zum Stammhaus der Welser wurde.
Für mich wird damit ein Muster sichtbar, das mir bei der weiteren Beschäftigung mit den Welsern noch häufiger begegnen dürfte: Familie und Geschäft lassen sich kaum voneinander trennen.
Eine Heirat ist in diesem Umfeld nicht nur eine private Verbindung zwischen zwei Menschen. Sie kann Familien zusammenführen, Vertrauen zwischen Geschäftspartnern schaffen und den Zugang zu bestehenden Handelsbeziehungen erleichtern. Gleichzeitig entstehen Netzwerke, die weit über Augsburg hinausreichen.
Das verändert auch meine Vorstellung von einem „Handelshaus“. Der Begriff klingt zunächst nach einem Unternehmen, wie wir es heute kennen würden. Doch je mehr ich lese, desto weniger passend erscheint mir dieses Bild. Hinter den Welsern steht kein isoliertes Unternehmen mit einer klar abgegrenzten Struktur. Ich sehe vielmehr ein Geflecht aus Verwandtschaft, Kapital, Handelspartnern und persönlichen Beziehungen, das sich über Generationen verändert und erweitert.
Gerade deshalb möchte ich diese Verbindungen genauer verfolgen. Denn wenn ich später verstehen will, wie die Welser Geschäfte über große Entfernungen organisieren konnten, reicht es vermutlich nicht, nur auf Waren, Handelswege und Geld zu schauen. Ebenso wichtig könnten die Menschen sein, die dieses Netzwerk getragen haben.
Dabei begegnet mir zunehmend eine weitere Familie, deren Geschichte eng mit jener der Welser verbunden wird, nämlich die Familie Vöhlin aus Memmingen.
Mark Häberlein/Johannes Burkhardt (Hg.): Die Welser. Neue Forschungen zur Geschichte und Kultur des oberdeutschen Handelshauses. Berlin/Boston: De Gruyter, 2014 (Colloquia Augustana, Bd. 16). ISBN 978-3-05-005777-9
Wer waren die Welser eigentlich?
15. August 2025
Nachdem ich begonnen habe, mich intensiver mit den Welsern zu beschäftigen, merke ich schnell, dass ich zunächst einen Schritt zurückgehen muss. Mein eigentliches Interesse gilt Venezuela, den Expeditionen ins Landesinnere und der Suche nach El Dorado. Doch bevor ich verstehen kann, wie ein Augsburger Handelshaus im 16. Jahrhundert auf der anderen Seite des Atlantiks tätig werden konnte, muss ich zuerst herausfinden, wer diese Welser überhaupt waren.
Meine Spur führt mich deshalb zunächst nach Augsburg und wesentlich weiter zurück, als ich ursprünglich erwartet habe.
Die Familie lässt sich dort bereits im 13. Jahrhundert nachweisen.
Noch begegnet mir dabei nicht jenes große Handelshaus, das ich mit Venezuela in Verbindung gebracht habe. Vielmehr zeichnet sich zunächst eine Familie ab, deren wirtschaftliche und gesellschaftliche Stellung sich über Generationen entwickelt. Besitz, Handel, politische Ämter und familiäre Verbindungen scheinen dabei immer wieder ineinanderzugreifen.
Besonders deutlich wird das für mich an Bartholomäus Welser, der in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts zu den wohlhabenden Bürgern Augsburgs gehörte. Gleichzeitig übernahm er Aufgaben für die Stadt.
Auch seine wirtschaftlichen Tätigkeiten waren offenbar keineswegs auf einen einzigen Bereich beschränkt. Genau diese Verbindung von wirtschaftlichem Erfolg und gesellschaftlicher Stellung scheint für die weitere Geschichte der Familie wichtig zu sein.
Bei der Beschäftigung mit den folgenden Generationen fällt mir noch etwas auf: Die Geschichte der Welser lässt sich kaum als Geschichte einzelner Kaufleute erzählen. Immer wieder begegnen mir andere Augsburger Familien. Heiraten verbinden die Welser mit Kaufmanns- und Patrizierkreisen, während einzelne Familienmitglieder zugleich politische Funktionen übernehmen oder außerhalb Augsburgs wirtschaftlich tätig werden.
Der Aufstieg scheint also nicht allein auf erfolgreichen Geschäften zu beruhen, sondern ebenso auf einem Geflecht aus Familie, Handel und städtischer Gesellschaft.
Allerdings verläuft diese Entwicklung keineswegs geradlinig. Nach einer Phase wirtschaftlichen und politischen Erfolgs führen frühe Todesfälle innerhalb der Familie zu Nachfolgeproblemen. Handelsaktivitäten kommen teilweise zum Erliegen und Besitz muss veräußert werden.
Gerade das macht die Geschichte für mich interessanter. Rückblickend erscheint der Weg der Welser nach Venezuela schnell wie die Geschichte eines mächtigen Handelshauses, das seine Geschäfte immer weiter ausdehnt und schließlich den Atlantik überquert. Je weiter ich jedoch zurückgehe, desto weniger selbstverständlich wirkt diese Entwicklung.
Ein entscheidender neuer Abschnitt zeichnet sich für mich im frühen 15. Jahrhundert ab. Gemeinsam mit der Familie Brun entsteht um 1411 eine Handelsgesellschaft, deren Geschäfte sich über Augsburg hinaus erstrecken. Verbindungen nach Venedig werden greifbar, und 1422 wird das Stammhaus der Welser, das bekannte „Haus am Stein“ erworben.
Mark Häberlein/Johannes Burkhardt (Hg.): Die Welser. Neue Forschungen zur Geschichte und Kultur des oberdeutschen Handelshauses. Berlin/Boston: De Gruyter, 2014 (Colloquia Augustana, Bd. 16). ISBN 978-3-05-005777-9
Auf einer Spur zu den Welsern.
22. Juli 2025
Mein ursprüngliches Interesse galt den Expeditionen auf der Suche nach El Dorado sowie der Literatur über die Konquistadoren. Ich beschäftigte mich mit den verschiedenen Unternehmungen, ihren Routen und den Personen dahinter.
Mich faszinierte die Vorstellung, wie sich die Suche nach einem sagenhaften Goldland über Jahrzehnte hinweg durch die Geschichte Südamerikas zog und immer neue Expeditionen in bis dahin aus europäischer Sicht weitgehend unbekannte Gebiete führte.
Schnell wurde mir allerdings klar, wie groß dieses Thema tatsächlich ist. Hinter dem Begriff El Dorado verbirgt sich nicht eine einzelne Expedition oder eine klar abgrenzbare Geschichte. Unterschiedliche Akteure, Regionen und Interessen greifen ineinander, und die Vorstellungen darüber, wo dieses vermeintliche Goldland zu finden sei, veränderten sich immer wieder. Die Vielzahl der Expeditionen und Schauplätze würde den Rahmen einer intensiveren Beschäftigung sprengen.
Bei meinen Recherchen stieß ich jedoch auf eine Spur, die meine Aufmerksamkeit besonders weckte: deutsche Akteure in Südamerika im 16. Jahrhundert. Bis dahin hatte ich die Geschichte der Konquista vor allem mit Spanien und den bekannten Namen der spanischen Eroberung verbunden.
Dass ein Augsburger Handelshaus eine bedeutende Rolle in Venezuela spielte und von dort Expeditionen weit in das Innere des Kontinents aufbrachen, eröffnete für mich einen neuen Zugang zum Thema.
Diese Spur führte mich zu den Welsern. Unter Kaiser Karl V. erhielten sie Rechte in Venezuela, jenem Gebiet, das später auch unter der Bezeichnung „Klein-Venedig“ bekannt wurde. Von dort aus führten mehrere Expeditionen ins Landesinnere.
Damit begegnen sich plötzlich Themen, die ich zunächst getrennt betrachtet hatte: europäischer Fernhandel, wirtschaftliche Interessen, koloniale Expansion und die Suche nach El Dorado.
Um dieser Geschichte genauer nachzugehen, habe ich heute den Sammelband Die Welser. Neue Forschungen zur Geschichte und Kultur des oberdeutschen Handelshauses gekauft.
Das Buch soll mir zunächst helfen, das Handelshaus selbst besser zu verstehen.
Wer waren die Welser? Welche wirtschaftlichen und politischen Netzwerke ermöglichten ihren Aufstieg? Und wie fügt sich das Venezuela-Unternehmen in die wesentlich größere Geschichte dieses Handelshauses ein?
Gleichzeitig entstehen neue Fragen. Mich interessiert nun nicht mehr allein, wohin die Expeditionen führten und was sie suchten, sondern zunehmend auch, warum sie überhaupt möglich wurden, welche Interessen dahinterstanden und welche Menschen und Vorstellungen dabei aufeinandertrafen.
Noch steht am Anfang vor allem meine Neugier. Ich möchte die deutsche Spur weiterverfolgen und herausfinden, wohin sie mich führt.
Mark Häberlein/Johannes Burkhardt (Hg.): Die Welser. Neue Forschungen zur Geschichte und Kultur des oberdeutschen Handelshauses. Berlin/Boston: De Gruyter, 2014 (Colloquia Augustana, Bd. 16). ISBN 978-3-05-005777-9